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De Lege Libellum, III » Ordo Templi Orientis

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De Lege Libellum, III

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DE LEGE LIBELLUM
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III
ÜBER DAS LEBEN

Systole (Zusammenziehung des Herzens) und Diastole (Ausdehnung des Herzens), das sind die Phasen aller zusammengesetzten Dinge. Dazu gehört auch das Leben des Menschen. Seine Kurve steigt aus der Verborgenheit des befruchteten Eies, sagt ihr, zu einem Zenit empor, von wo es zum Nichts des Todes herabsinkt? Recht betrachtet ist das nicht ganz wahr. Das Leben des Menschen ist nur ein Abschnitt einer Serpentinenkurve, die bis in die Unendlichkeit reicht, und seine Nullpunkte bedeuten nur die Übergänge vom Plus zum Minus und vom Minus zum Plus, den Koeffizienten seiner Gleichung. Dies ist einer von vielen Gründen, warum weise Männer in alten Zeiten die Schlange als Hieroglyphe des Lebens wählten.

Das Leben also ist unzerstörbar, wie alles andere. Alle Zerstörung und aller Aufbau sind Veränderungen in der Natur der Liebe, wie ich es euch in dem unmittelbar vorhergehenden Kapitel geschrieben habe. Aber wie das Blut in dem einen Pulsschlag des Handgelenks nicht dasselbe Blut ist wie im nächsten, so wird die Individualität teilweise zerstört beim Aufhören eines jeden Lebens, ja, sogar mit jedem Gedanken.

Was macht dann den Menschen aus, wenn er stirbt und mit jedem Atemzuge als Wechselbalg wiedergeboren wird? Es ist dies das Bewusstsein der Fortdauer, das durch das Gedächtnis gegeben wird; die Vorstellung seines Selbstes als etwas, dessen Existenz, weit entfernt durch diese Veränderungen bedroht zu sein, in Wahrheit dadurch gesichert ist. Der Aspirant der heiligen Weisheit betrachte also sein Selbst nicht länger als einen Teil der Schlange, sondern als die ganze Schlange. Er dehne sein Bewusstsein so weit aus, dass er sowohl Geburt als auch Tod als belanglose Ereignisse anschaut, wie es die Zusammenziehung und Ausdehnung des Herzens sind, und notwendig wie diese zu dessen Funktion. Um den Geist in dieser Auffassung des Lebens zu festigen, werden zwei Verfahren bevorzugt, als Vorbedingung zu den größeren Ausführungen, die in ihrer richtigen Reihenfolge zu besprechen sind, Erfahrungen, die selbst über jene Vollendungen in der Freiheit und der Liebe hinausgehen, von denen ich bislang geschrieben habe, sowie über die des Lebens, die ich jetzt in dieses kleine Buch eintrage, das ich für euch schreibe, auf dass ihr zur großen Erfüllung kommen möget.

Die erste Methode ist die Erwerbung des so genannten magischen Gedächtnisses, und die Mittel dazu werden mit Genauigkeit und Klarheit in gewissen unserer heiligen Bücher beschrieben. Aber dies erweist sich für fast alle Menschen als eine Übung von außerordentlicher Schwierigkeit. Der Strebende folge daher dem Impuls seines Eigenen Willens in der Entscheidung, ob er dies wählt oder nicht.

Das zweite Verfahren ist leicht, angenehm, nicht langweilig und am Ende so sicher wie das andere. Wie aber der Weg des Irrtums beim ersteren in der Entmutigung liegt, so müsst ihr euch beim letzteren vor Irrwegen hüten. Ich kann tatsächlich allgemein von allen Werken sagen, dass zwei Gefahren bestehen, das Hindernis des Fehlschlages und die Falle des Erfolges.

Nun besteht diese zweite Methode darin, dass ihr die Dinge, welche euer Leben ausmachen, absondert. Zuerst, weil es am leichtesten ist, solltet ihr jene Form, welche der Lichtkörper (aber auch mit vielen anderen Namen) genannt wird, absondern und euch bereit machen, in dieser Form zu reisen, indem ihr systematische Entdeckungsreisen in jene Welten macht, die in bezug auf andere materielle Dinge das sind, was euer eigener Lichtkörper für eure eigene materielle Form ist.

Nun wird es euch auf diesen Reisen begegnen, dass ihr zu vielen Toren kommt, die zu passieren ihr nicht imstande seid. Das kommt daher, dass euer Lichtkörper bislang noch nicht stark genug, oder fein genug, oder rein genug ist; dann müsst ihr lernen, die Elemente jenes Körpers durch einen dem ersten ähnlichen Prozess zu trennen, indem euer Bewusstsein im Höheren verbleibt und das Niedere verlässt. Fahrt in dieser Übung fort, spannt euren Willen wie einen großen Bogen, um den Pfeil eures Bewusstseins durch die immer höheren und immer heiligeren Himmel zu treiben. Aber das Beharren auf diesem Wege ist an sich von wesentlichem Wert; denn dann wird die Gewohnheit selbst euch überzeugen, dass der Körper, der innerhalb eines so kleinen Zeitraums wie ein Umlauf des Neptun durch den Tierkreis geboren wird und stirbt, kein wesentlicher Teil eures Selbstes ist; dass das Leben, an dem ihr einen Anteil gewonnen habt, während es dem Gesetze von Aktion und Reaktion, von Ebbe und Flut, Systole und Diastole unterworfen ist, doch für die Schmerzen jenes Lebens unerreichbar ist, das ihr vorher für eure einzige Verbindung mit dem Dasein gehalten habt. Und hier müsst ihr euer Selbst zu dem Entschlusse bringen, dass es die mächtigsten Anstrengungen macht; denn so blumenreich sind die Wiesen dieses Edens und so süß die Früchte seiner Gärten, dass ihr euch sehnt, dort zu verweilen und eure Freude am Nichtstun und am Tändeln zu nehmen. Deshalb schreibe ich euch nachdrücklich, dass ihr damit nicht euren wahren Fortschritt hindern solltet, weil alle diese Freuden auf der Dualität beruhen, so dass ihr wahrer Name Leid der Illusion ist, gleich dem normalen Leben des Menschen, über das hinauszugehen ihr euch anschicktet.

So geschehe es nach eurem Willen; doch lernt noch dies, dass (wie es geschrieben steht) nur diejenigen glücklich sind, die das Unerreichbare begehrt haben. Letzten Endes ist es dann das Beste, wenn es euer Wille ist, immer eure Hauptfreude in der Liebe zu finden, in der Eroberung und im Tode, das heißt in dem Sich-Ergeben, wie ich euch bereits geschrieben habe.

So also sollt ihr euch an diesen oben genannten Freuden erfreuen, aber nur als ein Spielzeug, und sollt eure Männlichkeit fest und kühn erhalten, um zu tieferen und heiligeren Ekstasen vorzudringen, ohne den Willen aufzuhalten.

Ferner möchte ich, dass ihr wisst, dass in dieser Übung, wenn sie mit unbesiegbarer Inbrunst fortgesetzt wird, die besondere Gnade liegt, dass ihr sozusagen durch Glück in Zustände hineinkommt, welche über die Übung selbst hinausgehen, denn sie gehören ihrer Natur nach zu jenem Werke reinen Lichtes, von dem ich euch im folgenden Kapitel schreiben will. Denn es gibt gewisse Tore, welche kein Wesen durchschreiten darf, das noch im Bewusstsein der Teilung lebt, das heißt, des Selbsts und des Nicht-Selbst als Gegensätze, und bei der Erstürmung dieser Tore durch feurigen Angriff himmlischer Begierde wird eure Flamme heftig gegen euer grobes Selbst schlagen, obwohl es bereits über eure jetzige Vorstellung hinaus göttlich sein mag, und wird es in einem mystischen Tode verzehren, so dass beim Passieren des Tores alles in formloses Licht der Einheit aufgelöst wird. Wenn ihr nun von diesen Bewusstseinszuständen zurückkehrt – und in der Rückkehr liegt ebenfalls ein Mysterium der Freude! – werdet ihr von der Milch der Finsternis des Mondes entwöhnt und zu einem Teilnehmer am Sakrament des Weines gemacht werden, welcher das Blut der Sonne ist. Doch gibt es zunächst vielleicht Erschütterung und Kampf; denn der alte Gedanke bleibt hartnäckig bestehen, infolge der Kraft seiner Gewohnheit. An euch ist es, durch wiederholte Handlungen die wahre rechte Gewohnheit dieses Bewusstseins des Lebens zu schaffen, welches im Lichte wohnt, und das ist leicht, wenn euer Wille stark ist; denn das wahre Leben ist um so viel mehr lebenskräftig und wesentlicher als das falsche, dass (nach oberflächlicher Schätzung) eine Stunde des ersteren einen eben solchen Eindruck auf das Gedächtnis macht wie ein Jahr des letzteren. Eine einzige Erfahrung, mag sie in der Zeitdauer nur wenige Sekunden unserer irdischen Zeit in Anspruch nehmen, genügt, um den Glauben an die Wirklichkeit unseres eitlen Lebens auf Erden zu zerstören. Aber das verschwindet allmählich wieder, wenn das Bewusstsein infolge der Erschütterung oder Furcht nicht daran festhält und der Wille nicht unausgesetzt nach der Wiederholung dieser Wonne ringt, die schöner und furchtbarer als der Tod ist, und die sie durch die Kraft der Liebe errungen hat.

Es gibt außerdem viele andere Methoden, um zum Verstehen des wahren Lebens zu gelangen, und die folgenden beiden sind sehr wertvoll, um das Eis eures menschlichen Irrtums in der Vision eures Wesens zu zerbrechen. Und die erste davon ist die beständige Betrachtung der Identität von Liebe und Tod und die Erkenntnis der Auflösung des Körpers als einem Akt der Liebe auf dem Leib des Universums, wie es auch ausführlich in unseren heiligen Büchern geschrieben steht. Und damit vereint geht, gewissermaßen wie die Schwester mit ihrem Zwillingsbruder, die Übung sterblicher Liebe als ein Sakrament, das für diesen großen Tod symbolisch ist; wie geschrieben steht: „Töte dich selbst“, und wiederum: „Stirb täglich“.

Und die zweite dieser untergeordneten Methoden besteht in der Übung mentaler Vorstellungen und der Analyse von Ideen, hauptsächlich so, wie ich es euch bereits gelehrt habe, aber mit besonderer Betonung der Wahl solcher Gegenstände, welche von Natur abstoßend sind, besonders des Todes selbst und der ihn begleitenden Phänomene. So forderte der Buddha seine Jünger auf, über die Zehn Unreinheiten zu meditieren, das heißt, über zehn Fälle des Todes durch Zersetzung, so dass der Strebende durch Identifizierung seines eigenen Leichnams mit allen diesen vorgestellten Formen den natürlichen Abscheu, Ekel, Furcht und Widerwillen, die er vielleicht dafür gehabt hat, verliert. Wisse, dass jeder Gedanke jeder Art unwirklich, phantastisch und offenbarste Illusion wird, wenn er durch Konzentration der beharrlichen Untersuchung unterzogen wird. Und dies ist besonders leicht bei allen körperlichen Eindrücken zu erlangen, weil alle materiellen Dinge, und besonders die, derer wir uns zuerst bewußt werden, nämlich unsere eigenen Körper, die gröbsten und unnatürlichsten aller Täuschungen sind. Denn in uns allen liegt latent das Licht verborgen, vor dem kein Irrtum bestehen kann, und es lehrt schon unseren Instinkt, zunächst all die Schleier auszuscheiden, die am engsten darum geschlungen sind. So ist es auch in der Meditation für viele am nützlichsten, den Willen der Liebe auf die heiligen Zentren der Nervenkraft zu konzentrieren; denn sie, wie alle Dinge, sind geeignete Bilder oder wahre Reflexe ihrer Ebenbilder in feineren Sphären; so dass, wenn ihre grobe Natur durch die auflösende Schärfe der Meditation zerstört ist, ihre feineren Seelen sozusagen nackt erscheinen und ihre Kraft und Glorie im Bewusstsein des Strebenden entfalten.

Ja, wahrlich, lasst euren Willen zur Liebe entbrennen, hin zu dieser Schöpfung des wahren Lebens in euch selbst, das seine Wogen über das uferlose Meer der Zeit dahinrollt! Lebt nicht euer kleinliches Leben in Furcht vor der Zeit! Der Mond und die Sonne und die Sterne, durch die ihr die Zeit messet, sind selbst nur Diener des Lebens, das in euch pulsiert, ein fröhlicher Trommelschlag, bei dem ihr triumphierend auf der Straße der Zeitalter dahinschreitet. Wenn erst jede eurer Geburten und jeder Tod in dieser Vorstellung als bloße Meilensteine auf eurem ewig lebendigen Wege erkannt sind, was sind dann die törichten Ereignisse eurer armseligen Leben? Sind sie nicht Sandkörner, die der Wüstenwind umherweht, oder Kiesel, die ihr mit euren beflügelten Füßen fort stößt, oder grasige Vertiefungen, auf deren weichem, elastischem Torf und Moos ihr lyrische Tänze aufführt? Den, der im Leben lebt, berührt nichts; er ist ewige Bewegung, Kraft, Freude am immerwährenden Wechsel. Unermüdlich wandert ihr von Aeon zu Aeon, von Stern zu Stern, das Universum euer Tummelplatz, die unendliche Mannigfaltigkeit seines Spiels immer alt und immer neu. Alle Ideen, die Furcht und Leid erzeugen, werden als das erkannt, was sie sind, und werden so zum Samen der Freude; denn über allen Zweifel hinaus ist es doch gewiss, dass ihr niemals sterben könnt; dass, wenn ihr euch verändert, die Veränderung ein Teil eurer eigenen Natur ist: der Große Feind ist zum Großen Verbündeten geworden.

Und nun, in dieser Vollendung wurzelnd, euer Selbst der Baum des Lebens selbst geworden, habt ihr eine Stütze für euren Hebel; ihr seid imstande zu erkennen, dass dies Pulsieren der Einheit an sich Zweiheit ist und daher, im höchsten und heiligsten Sinn, immer noch Leid und Illusion. Wenn ihr dies begriffen habt, strebt weiter, bis zur vierten der Gaben des Gesetzes, zum Ende des Pfades, ja, bis zum Licht!

 

Teil IV: Über das Licht

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© Ordo Templi Orientis, 1919, 1998. © Deutsche Übersetzung: Fr. Aion, 2000, 2011, 2014. Diese Epistel erschien erstmals in The Equinox, Vol. III (Detroit. Universal 1919). Die Zitate stammen aus Liber AL vel Legis, dem „Buch des Gesetzes“, und seinen Kommentaren.)

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