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De Lege Libellum, I » Ordo Templi Orientis

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De Lege Libellum, I

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DE LEGE LIBELLUM
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I
ÜBER DIE FREIHEIT

Von der Freiheit will ich euch zunächst schreiben, denn wenn ihr nicht frei seid zu handeln, so könnt ihr nicht handeln. Dennoch müssen alle vier Gaben des Gesetzes in gewissem Grade geübt werden, da diese vier eins sind. Aber für den Strebenden, der zum Meister kommt, ist das erste, was er braucht, Freiheit.

Die große Fessel aller Fesseln ist Unwissenheit. Wie soll ein Mensch frei handeln können, wenn er nicht seine eigene Bestimmung kennt? Zu allererst musst du daher herausfinden, welcher Stern von allen Sternen du bist, deine Beziehung zu den anderen Sternen um dich herum, deine Beziehung zum Ganzen und deine Identität mit ihm.

In unseren heiligen Büchern sind verschiedene Mittel angegeben, wie man zu dieser Entdeckung gelangt, und jeder muss sie für sich selbst machen, indem er absolute Überzeugung durch unmittelbare Erfahrung erlangt, nicht nur durch Vernünfteln und Berechnen von dem, was wahrscheinlich ist. Und einem jeden wird das Wissen seines endlichen Willens zukommen, durch welchen der eine ein Dichter, einer ein Prophet, einer ein Stahlarbeiter, ein anderer ein Steinarbeiter ist. Aber jedem sei auch das Wissen seines unendlichen Willens gegeben, seine Bestimmung, das Große Werk zu vollbringen, die Verwirklichung seines wahren Selbstes. Von diesem Willen laßt mich daher deutlich sprechen, da er alle betrifft.

Erkennt nun, dass in euch eine gewisse Unzufriedenheit ist. Analysiert ihre Natur gut: am Ende derselben liegt in jedem Falle die eine Schlussfolgerung. Das Böse entspringt aus dem Glauben an zwei Dinge, an das Selbst und das Nicht-Selbst und den Zwiespalt zwischen ihnen. Auch dies ist eine Beschränkung des Willens. Wer krank ist, ist im Zwiespalt mit seinem eigenen Körper: wer arm ist, befindet sich in Uneinigkeit mit der Gesellschaft; und so in allen andren Fällen. Letzten Endes besteht daher das Problem darin, wie diese Wahrnehmung der Dualität zerstört werden kann, um das Begreifen der Einheit zu erlangen.

Nun laßt uns annehmen, dass ihr zum Meister gekommen seid, und dass Er euch den Weg dieser Vollendung erklärt hat. Was hindert euch dann? Ach! Dann liegt viel der Freiheit noch immer in der Ferne.

Versteht folgendes recht: wenn ihr eures Willens und eurer Mittel sicher seid, dann sind alle Gedanken und Handlungen, welche gegen diese Mittel sind, auch gegen diesen Willen. Wenn daher der Meister euch ein Gelübde heiligen Gehorsams abverlangen sollte, so ist ein Eingehen darauf nicht ein Aufgeben des Willens, sondern nur dessen Erfüllung.

Denn siehe, was hindert euch? Es kommt entweder von außen oder von innen, oder von beiden Seiten. Für den Suchenden von starkem Geiste mag es leicht sein, der öffentlichen Meinung zu trotzen, oder die Dinge, die er liebt, in gewissem Sinne aus seinem Herzen zu reißen; aber es werden noch viele zwiespältige Neigungen in ihm bleiben, wie auch die Fesseln der Gewohnheit, und auch diese muß er besiegen. In unserem heiligsten Buche steht geschrieben: „Du hast kein Recht als das, deinen Willen zu tun. Tue diesen, und kein anderer soll nein sagen.“ Schreibt es auch in eure Herzen und in euer Hirn: denn dies ist der Schlüssel der ganzen Angelegenheit.

Hier mag die Natur selbst euch predigen; denn in jedem Phänomen der Kraft und der Bewegung verkündet sie laut diese Wahrheit. Selbst in einer solchen Kleinigkeit, wenn ein Nagel in ein Brett geklopft wird, vernehmt diese selbe Predigt. Euer Nagel muss hart, glatt und spitz sein, sonst dringt er nicht schnell in der gewollten Richtung ein. Nun stellt euch einen Nagel aus Brennholz mit zwanzig Spitzen vor – wahrlich, er ist kein Nagel mehr. Und dennoch sind fast alle Menschen ihm gleich. Sie begehren zehn verschiedene Laufbahnen; und die Kraft, die vielleicht ausgereicht hätte, um in einer einzigen Bedeutung zu erlangen, wird auf die anderen verschwendet; sie sind gleich Null.

Hier laßt mich offen beichten und folgendes sagen: Obwohl ich mich fast schon im Knabenalter dem Großen Werke gelobte, obwohl mir die mächtigsten Kräfte im ganzen Universum zu Hilfe kamen, um mich daran festzuhalten, obwohl mich die Gewohnheit selbst jetzt in die richtige Bahn hineinzwingt, so habe ich dennoch meinen Willen nicht erfüllt: täglich wende ich mich von der festgelegten Arbeit ab. Ich schwanke. Ich stocke. Ich zaudere.

Mag dies euch allen ein großer Trost sein, dass, wenn ich so unvollkommen bin – und weil ich mich schämte, habe ich nicht mehr Nachdruck auf diese Unvollkommenheit gelegt – wenn ich, der Erwählte, noch versage, wie leicht ist es dann für euch, über mich hinauszugehen. Oder solltet ihr mir auch nur gleich werden, wie große Vollendung würdet ihr dann erlangen! Seid darum guten Mutes, da doch mein Versagen, sowohl als auch mein Erfolg, Gründe des Mutes für euch sind.

Ich bitte euch, erforscht euch aufs Genaueste und analysiert eure innersten Gedanken. Und zuerst sollt ihr all die groben, deutlich sichtbaren Hemmungen für euren Willen aufdecken; Trägheit, törichte Freundschaften, nutzlose Beschäftigungen oder Vergnügungen, ich will die Verschwörer gegen die Wohlfahrt eures Staates nicht aufzählen.

Danach suchet das Minimum der täglichen Zeit, welche wirklich als Ruhe für euer natürliches Leben notwendig ist. Die übrige Zeit sollt ihr den wahren Mitteln eurer Vollendung widmen. Und sogar diese notwendigen Stunden sollt ihr dem Großen Werke weihen, indem ihr euch allezeit während dieser Arbeiten bewußt sagt, dass ihr sie nur tut, um euren Körper und Geist gesund zu halten, zur rechten Anwendung für jenes erhabene und einzige Ziel.

Ihr werdet sehr bald zu der Einsicht kommen, dass ein solches Leben wahre Freiheit ist. Ablenkungen von eurem Willen werdet ihr als das empfinden, was sie sind. Nicht länger werden sie angenehm und anziehend erscheinen, sondern als Fesseln, als Schande. Und wenn ihr diesen Punkt erreicht habt, so wisset, dass ihr das mittlere Tor dieses Weges durchschritten habt. Denn ihr werdet euren Willen zur Einheit gebracht haben.

Gerade so würde ein Mensch, der in einem Theater sitzt, wo das Spiel ihn langweilt, jede Zerstreuung willkommen heißen und an jedem Vorfall Vergnügen finden; doch wäre er mit ganzer Aufmerksamkeit beim Spiel, so würde ihn jeder solche Zwischenfall verdrießen. Seine Einstellung diesen gegenüber ist also ein Anzeichen seiner Einstellung dem Spiel selbst gegenüber.

Zuerst ist es schwierig, sich an Aufmerksamkeit zu gewöhnen. Wenn du ausharrst, wirst du periodisch krampfhafte Ablenkungen haben. Der Verstand selbst wird dich angreifen und sagen: Wie kann eine so starke Bindung der Pfad der Freiheit sein?

Harre aus. Bisher hast du die Freiheit noch nicht gekannt. Sind die Versuchungen überwunden, die Stimme des Verstandes zum Schweigen gebracht, dann wird deine Seele ungehindert vorwärts stürmen auf ihrer erwählten Bahn, und zum ersten Male wirst du das unbändige Entzücken erfahren, Herr deines Selbstes zu sein und damit des Universums.

Ist dies ganz erreicht, sitzest du sicher im Sattel, dann kannst du auch jene Zerstreuungen genießen, die dich zuerst ergötzten und dann verdrossen. Von nun an werden sie nichts derartiges mehr tun; denn sie sind deine Sklaven und Spielzeuge.

Bis du nicht diesen Punkt erreicht hast, bist du nicht vollständig frei. Die Begierde musst du töten, und die Furcht musst du töten. Das Ende von all diesem ist die Macht, in Übereinstimmung mit deiner eigenen Natur zu leben, ohne die Gefahr, dass sich ein Teil zum Nachteile des Ganzen entwickelt, und ohne die Sorge zu haben, dass Gefahr entstehen könnte.

Der Trunkenbold trinkt und ist betrunken; der Feigling trinkt nicht und schaudert; der Weise, tapfer und frei, trinkt und gibt dem höchsten Gotte Ehre.

Dies ist also das Gesetz der Freiheit; du besitzest alle Freiheit in deiner eigenen Rechten, aber du musst das Recht durch Macht stützen; deine Freiheit musst du dir in mancher Schlacht erringen. Wehe den Kindern, die in der Freiheit schlafen, die ihnen ihre Vorväter gewonnen haben!

„Es gibt kein Gesetz, außer Tu was du willst“; aber nur die Größten der Rasse sind es, die die Kraft und den Mut haben, ihm zu gehorchen.

O Mensch, sieh dich selbst an! Mit wie viel Leiden wurdest du gestaltet! Wieviele Zeitalter sind nicht zu deiner Gestaltung dahingegangen! Die Geschichte des Planeten ist in die gesamte Substanz deines Gehirns verwebt! War das alles umsonst? Ist kein Ziel in dir? Wurdest du so geschaffen, damit du isst, dich vermehrst und stirbst? Denke das nicht! Du verkörperst so viele Elemente, du bist die Frucht so vieler Aeonen der Arbeit; so wie du bist und nicht anders, bist du zu einem gewaltigen Ziele gebildet.

Spanne denn deine Nerven an, suche es und vollbringe es, nichts kann dich befriedigen, als die Erfüllung deines erhabenen Willens, der in dir verborgen ist. Dafür also auf, zu den Waffen! Gewinne dir selbst deine Freiheit! Kämpfe kraftvoll!

 

Teil II: Über die Liebe

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© Ordo Templi Orientis, 1919, 1998. © Deutsche Übersetzung: Fr. Aion, 2000, 2011, 2014. Diese Epistel erschien erstmals in The Equinox, Vol. III (Detroit. Universal 1919). Die Zitate stammen aus Liber AL vel Legis, dem „Buch des Gesetzes“, und seinen Kommentaren.)

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